Taizé in Barcelona  

Europäisches Jugendtreffen in Barcelona vom 28. 12. 2000 bis zum 01. 01. 2001

 

Jedes Jahr veranstaltet die Communauté von Taizé zum Jahreswechsel in einer europäischen Großstadt ein Europäisches Jugendtreffen; vielleicht erinnern Sie sich daran, daß auch wir in St. Stephan 1993 / 1994 im Rahmen dieses Treffens in München Jugendliche zu Gast hatten.

Die Communauté ist eine ökumenische Brudergemeinschaft mit Sitz in Taizé im französischen Burgund. Sie wurde 1949 von dem Schweizer Roger Schutz gegründet, selbst Calvinist. Ab 1969 können sich auch Katholiken der Gemeinschaft anschließen, und heute gehören ihr mehr als 100 Brüder aus der ganzen Welt an. Schon seit Ende der 50er Jahre kommen Jugendliche für eine Woche nach Taizé, um gemeinsam dreimal täglich zu beten und sich mit anderen Jugendlichen über ihren Glauben auszutauschen.

Die europäischen Jugendtreffen laufen im Prinzip nach dem gleichen Muster ab wie die Treffen in Taizé selbst, mit gewissen Modifikationen: Bei der Ankunft wird jeder Jugendliche einer Pfarrei zugeteilt. Jede Pfarrei nimmt Jugendliche aus ca. 4 Nationalitäten auf, damit die sprachliche Verständigung einigermaßen gewährleistet werden kann. Am Morgen findet dort jeweils das Morgengebet statt, anschließend kleine Gesprächsgruppen, in denen man sich über Bibelstellen, den Jahresbrief von Frère Roger oder das soziale und kirchliche Engagement daheim austauscht oder vom sozialen Engagement in der Gastpfarrei erfährt. Das Mittagessen findet dann bereits zentral statt, im Messegelände, daran anschließend das Mittagsgebet. Am Nachmittag bestehen nach einer kurzen Bibeleinführung verschiedene thematische Angebote. Nach dem Abendgebet schließt der Tag mit dem Abendgebet. Anschließend kehren die Jugendlichen in die Pfarrei zurück.

 

Gebete und Gesang

Die Gebete bestehen zu einem großen Teil aus sehr schlichten, aber dafür um so schöneren Gesängen, zudem aus Lesungen und Gebeten in mehreren Sprachen und einer zehnminütigen Stille.

Nachdem Sie nun die "graue Theorie" kennen, möchte ich Ihnen nun einige Eindrücke und Gedanken vermitteln, wie ich Sie dieses Jahr selbst erlebt habe. Sie sind etwas anders, als Sie das nun vielleicht erwarten würden, aber auch für mich war das Treffen dieses Jahr etwas anders als sonst: Ich habe nicht in einer Pfarrei mitgelebt, sondern quasi hinter die Kulissen geschaut und gearbeitet.

Die EXPO 2000 fand nicht in Hannover statt

Nein, natürlich weiß ich, daß die EXPO 2000 in Hannover stattfand, ich war ja auch dort – und irgendwie enttäuscht. Eine Weltausstellung soll das gewesen sein? Ja, es waren Länder aus der ganzen Welt vertreten, aber nur wenige Pavillons haben wirklich einen umfassenden Eindruck von ihrem Land gegeben, ganz abgesehen davon, daß natürlich die negativen Tatsachen nicht erwähnt wurden.

Ganz anders den Sommer über in Taizé oder beim Europäischen Jugendtreffen in Barcelona zum Jahreswechsel. Hier trifft man ebenfalls die ganze Welt, allein in Barcelona waren über 80 Nationen vertreten, aus allen 5 Kontinenten. Einmal pro Woche erzählen einige der außereuropäischen Jugendlichen beim sogenannten Forum von ihren Ländern und ihrem Engagement dort, ganz ungeschminkt, so, wie es ist. So erfährt man z. B., daß in Peru nur auf jeden 16. Jugendlichen eine Arbeits-/Ausbildungsstelle kommt. Das scheint trostlos, entspricht der Wahrheit aber wohl mehr als ein kostspielig ausgestalteter Pavillon auf der EXPO in Hannover.

Dennoch ist Taizé auch ein großes Zeichen der Hoffnung: All die Jugendlichen, die den verschiedensten Kontinenten, Ländern, Regionen, Konfessionen, Sprachen und Ethnien angehören, leben hier friedlich zusammen; hier gibt es wirklich keine Unterschiede, jeder ist gleich. Das aber ist doch die schönste Zukunftsperspektive überhaupt: daß die Menschen auf der ganzen Welt friedlich zusammenleben. Und im Gegensatz zu den Zukunftsvisionen der EXPO ist diese jetzt schon ein wenig Wirklichkeit geworden, z. B. in den 80 000 Jugendlichen in Barcelona.

Faszinierend: Und es gibt noch etwas Faszinierendes an Taizé, das gerade für unsere Zukunft in Deutschland sehr wichtig sein könnte: Immer mehr wird bei uns über Straftaten mit rechtsextremen Hintergrund geklagt, und oft ist zu hören, daß es sich dabei um Jugendliche handelt, die keine Perspektive sehen, sich überflüssig verkommen, die meinen, sie werden nicht gebraucht, oder gar, sie seien zu nichts zu gebrauchen. In Taizé macht man andere Erfahrungen. Hier darf jeder mitarbeiten, der möchte, in dem Arbeitsfeld, in dem er sich gerne betätigt – vorausgesetzt natürlich, es werden für die entsprechende Tätigkeit noch Leute gebraucht; aber hier fragt keiner nach Qualifikationen, sondern wer helfen möchte, darf es tun. (Schließlich wären die Treffen ohne diese vielen fleißigen Hände ja auch gar nicht realisierbar.) Und dabei bringen die Brüder den Jugendlichen, die sie eigentlich gar nicht kennen, oft großes Vertrauen entgegen; z. B. habe ich in Barcelona in der Exposition gearbeitet, der Verkaufsausstellung für Bücher, CDs, Taizékreuze usw. – von Insidern übrigens kurz Expo genannt, ein weiterer Grund, warum die Expo nicht (nur) in Hannover stattfand –, und dabei innerhalb von 3 Nachmittagen Waren im Wert von mehr als 1000 DM verkauft; und es haben mehr als 20 Leute dort gearbeitet. Welche Firma würde heute Jugendlichen, die Sie zum großen Teil noch nicht kennt, gleich in den ersten Arbeitstagen mehrere Tausend DM anvertrauen?
Vertrauen wird groß geschrieben in Taizé Vertrauen wird groß geschrieben in Taizé. Die Europäischen Jugendtreffen sind Etappe auf dem sogenannten "Pilgerweg des Vertrauens". Hier bringen nicht nur die Brüder den Jugendlichen ihr Vertrauen entgegen, sondern auch die Einwohner der jeweiligen Stadt, die aufgerufen sind, in ihren Häusern und Wohnungen Jugendliche aufzunehmen. Das erfordert Vertrauen, man weiß ja nicht, wen man da als Gast bekommt. Doch wird dieses Vertrauen auch nicht enttäuscht, im Gegenteil; wer sich darauf einläßt, kann oftmals Vorurteile abbauen. Und es ist großartig zu sehen, wie leicht man hier, auf privater Ebene, Völkerverständigung praktizieren kann, selbst über alle Sprachbarrieren hinweg – irgendwie schafft man es immer, und sei es mit Händen und Füßen. Wenn das Treffen vielleicht in einem der nächsten Jahre wieder in München stattfinden würde, wäre es für viele von Ihnen eine gute Chance, selbst diese Erfahrung machen zu können.

Michaela Dittrich

Mehr Informationen:

http://www.taize.de

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