DAV Sektion Garching: Tourenberichte 2000

Grande traversata delle alpi (gta) 02.-16.09.2000

Der Titel dieser Wanderung, besonders wenn mit dem rollenden italienischen "r" ausgesprochen, klang verlockend - die neben der normalen Wanderausrüstung empfohlene Mitnahme von Biwaksack und Tourenproviant für 4-5 Tage hingegen ließ Anstrengung und Entbehrungen vermuten. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: der Genuss, sowohl für das Auge als auch für den Magen, überwog bei dieser von Manfred mit viel Sorgfalt vorbereiteten Tour, aber auch diejenigen unter uns 6 Senioren, die das Abenteuer liebten, kamen auf ihre Kosten.

Es begann mit der nächtlichen Anreise: die harten Stöße an den Weichen und die grellgelben Bahnhofslampen unterbrechen immer wieder den unruhigen Schlummer. Nach der Ankunft in Milano Centrale erste Bewährungsprobe für die sprachkundigen beim ordern der Rückfahrkarten. Weiterfahrt mit dem TGV Milano-Paris bis Novara, dann mit Bussen bis kurz vor Rimella. Auf unsere Frage hin deutet der Fahrer auf den Beginn der gta-Route und schon startet unsere 7-köpfige Gruppe, hinab in ein Tal und auf der anderen Seite wieder hinauf, an verlassenen Häusern vorbei, durch Laubwälder und über Wiesen. Dort, wo noch Menschen wohnen, werden wir mit neugierigen, aber nicht unfreundlichen Blicken betrachtet. Der mit riesigen Steinquadern angelegte Walser-Weg ist erstaunlich gut erhalten und streckenweise so eben und breit, dass er auch mit einem Karren befahren werden könnte. Die solide Bauweise lässt annehmen, dass er noch ein weiteres Jahrhundert überdauern wird. Ob dann noch Menschen hier leben? Am späten Nachmittag erreichen wir unsere erste Unterkunft, den "Posto Tappa" in St. Maria. Wir werden von Andrea und seiner Schwester freundlich begrüßt und erhalten unser Quartier zugewiesen, 2 Zimmer mit je 4 Betten, sehr einfach, wie zu erwarten war. Das Abendessen und das Frühstück am nächsten Morgen waren um so üppiger und so verlassen wir gut gestärkt St. Maria. Die Stärkung konnten wir gebrauchen, denn an diesem Tage mussten wir 1150hm bewältigen, mit 10 kg Gepäck auf dem Rücken. Zum Rucksack noch eine kurze Anmerkung: was haben wir zu Hause nicht überlegt, ausgewählt, mit der Küchenwage abgewogen und wieder beiseite gelegt. Um jedes Gramm wurde gefeilscht, eigens ein Leichtschlafsack angeschafft, bei der Notverpflegung wirklich nur das notwendigste eingepackt und trotzdem hatte fast jeder von uns statt der angestrebten 8 kg mindestens 10 kg auf dem Buckel. Marianne hatte sich angeboten, die Routenbeschreibung von Gerhard Neubrunner mitzunehmen – obwohl beidseitig kopiert mindestens zusätzliche 50 g. Eigentlich hat es ihr keiner so richtig gedankt, auch nicht das Vorlesen aus dieser Bibel der gta-Wanderer – mir hat es übrigens gefallen. Am frühen Nachmittag treffen wir in Carcoforo ein und suchen nach dem Posto Tappa. Uns wird bedeutet, daß diese Aufgabe das Hotel Alpenrose übernommen hat. Wir sind angenehm überrascht, einen großen, sauberen Schlafraum unter dem Dach angeboten zu bekommen. Am nächsten Tag steigen wir auf zum Sattel Colle Mud (2324m). Obwohl Gipfel nicht zur gta gehören, erlaubt uns Manfred diesmal den Cima del Tiglio (2531m) mitzunehmen. Wir werden durch einen fantastischen Blick auf das Monte Rosa-Massiv belohnt. Dann geht es wieder hinab ins nächste Seitental (Valle Sermenza) nach Rima. Gutes und reichliches Abendessen im Ristorante "Grillo Brillo", dass von der Schwester der Wirtin der Alpenrose geführt wird. Übernachtung im Posto Tappa (einfach).

Der Platz reicht leider nicht aus, alle Stationen unserer 13-tägigen Wanderung mit den unterschiedlichsten Orten und der immer wieder wechselnden Bergkulisse zu schildern. Ich will versuchen, ein paar Gemeinsamkeiten aufzuzählen: das Wetter war immer schön, nur einmal, kurz vor Fondo, sind wir in einen 10-minütigen Regenschauer gekommen. Das Essen war immer reichlich, mitunter üppig. Obwohl wir selten eine Speisekarte zu Gesicht bekamen und häufig bestellten, ohne die Preise zu kennen, wurden wir eigentlich nie übers Ohr gehauen. Die Unterkünfte waren zwar einfach aber mit wenigen Ausnahmen sauber. Faszinierend und bedrückend zugleich die verlassenen Dörfer, mit Häusern und Wegen in mühsamer körperlicher Arbeit wie für die Ewigkeit gebaut und dann doch verlassen, weil die Verdienstmöglichkeiten fehlten bzw. niemand mehr bereit war, die Entbehrungen dieser abgeschiedenen Lebensweise auf sich zu nehmen. Besonders beeindruckt hat mich der Pilgerort Oropa. Gleich 2 Kirchen hatte dieser Wallfahrtsort hoch oben in den Bergen, eine davon in riesigen Ausmaßen, mit einer über 80 m hohen Kuppel. Sie soll Platz für über 3000 Gläubige bieten. Die italienischen Pilger reisen natürlich heutzutage im Auto an und scheuen sich nicht, ihren Wohnwagen direkt neben der Kirche abzustellen. Die Nacht verbrachten wir im ehemaligen Kloster, dessen Zellen zu durchaus bequemen Pilgerunterkünften umfunktioniert waren. Der Aufstieg am folgenden Tag führte uns zum Höhepunkt unserer Wanderung, der Coda-Hütte auf 2280m, mit ihrer einzigartigen Bergkulisse vom Gran Paradiso über Matterhorn bis zum Monte Rosa. Während sich am Nachmittag vor der Hütte noch die italienischen Tagesgäste tummelten, wurde es gegen Abend immer stiller. In der warmen Abendsonne konnte man von der Terrasse aus das Alpenpanorama betrachten. 50m unterhalb ein dunkelblauer See, der Lago di Coda, durchaus zum baden geeignet, wie Manfred und ich feststellen konnten. 2 Tage später ein weiterer Höhepunkt: das Rifugio Chiaromonte, (2014m), eine normalerweise unbewirtschaftete Hütte. Offenbar aber war die Schlüsselverwalterin auf der nahen Alm informiert worden, daß eine Gruppe hungriger und durstiger Tedeschi im Anmarsch sei und so erwartete sie uns schon mit Rotwein, Limonade, frischem Brot und Salami. Sie wollte wissen, ob wir über Nacht blieben. Nach anfänglichem Zögern sagten wir zu und wir haben den Entschluss nicht bereut. Am Abend zauberte Maria auf den weiß gedeckten Tisch ein 4-gängiges Menü und während sie selbst längst zu ihrer Alm hinübergegangen war, saßen wir noch lange bei Kerzenschein zusammen. Unsere Wanderung neigte sich ihrem Ende zu. Über Fondo und den 2400m hohen Bocchetta delle Oche stiegen wir ins Soanatal ab. Nach einer letzten Übernachtung ging es am frühen Morgen mit Bus und Bahn wieder zurück in die Zivilisation. Mittags fanden wir uns mitten im brodelnden Mailand wieder – welch ein Gegensatz! Die Zeit reichte leider nur für eine kurze Rast in einer Bar und die obligatorische Dom-Besichtigung, dann ging es im Eiltempo vorbei an den vornehmen Mailänder Geschäften zurück zur Gepäckausgabe und dann hinein in den Zug Mailand-München. Pünktlich um 22:20 Uhr trafen wir am Ostbahnhof ein, mit einem letzten Spurt erreichten wir die S-Bahn nach Ismaning und 15 Stunden, nachdem wir den Bus im abgelegenen Bergdorf Ronco bestiegen hatten, waren wir wieder zu Hause.

Was ist geblieben? Die Erinnerung an eine wunderschöne Landschaft und das Leben mit einer im Ganzen harmonischen Gruppe sowie die Erfahrung, dass auch das Seniorenleben noch sehr interessant sein kann.

Helmuth Freytag